Across the Dolomites

Anmerkung des Herausgebers: Bei Amundsen Sports in Oslo, Norwegen schätzen wir uns überaus glücklich. Dürfen wir doch unsere eigenen Produkte testen, sowohl vor Ort und auf Reisen. Wir nutzen stets das Wissen Roald Amundsens und seinen Hinweis, dass Erfahrungen der beste Reisebegleiter sind. Das spiegelt sich in unseren Produkten und auch in der Art und Weise wie wir Produkte testen und entwickeln wieder. Amundsen lernte von den Menschen und deren Traditionen, welche ihm auf seinen Reisen begegneten. Für diese „Feldtest“ haben wir eine kleine Mannschaft aus dem Büro, bestehend aus Jens Christian, Erik, Trygve und mir Jørgen, zusammengestellt. Wir haben fabrikfrische Amundsen Mountain Mucks (Bergstiefel) angezogen und sind von Montebelluna (Veneto, Italien) nach Oslo (Norwegen) gewandert. Unten erzählen wir unsere Reise durch die majestätischen Dolomiten und durch den beeindruckenden Schwarzwald – von den warmen Bergen im Süden bis zu den kalten Stränden im Norden.

Wanderer wissen, wann sie pausieren sollten. Sich Zeit zu nehmen, sich umzusehen und die Umgebung zu riechen und zu fühlen. Montebelluna riecht nach Tannenzapfen, Pancetta und Rotwein. Dieses friedliche Dorf unterhalb der italienischen Alpen ist der erste Stop unseres Abenteuers. In einem grauen Industriegebiet am Rande des Dorfes ist der Geruch von Öl, Fett, frischem Leder und verbranntem Gummi geprägt. Passend zu der Atmosphäre in der Fabrik eines der besten Schuhmacher Italiens; Monte Sport. Geführt von den fünf liebenswerten Torresan-Schwestern und ihren Cousinen, den Pincin-Schwestern. In ihrem Kundenportfolio: Marken wie Hermés und Prada, in ihrem ’Werkzeugkoffer’ alte Männer mit starken Armen und rauen Händen, Schleifsteinen, Hochleistungsnähmaschinen, Stempeln und Poliermaschinen. Authentisches Handwerk. Keine Robotik. Keine Montagelinien.


Authentisches Handwerk.
Keine Robotik. Keine Montagelinien.


Claudia, eine der Schwestern, stellte die Poliermaschine, die noch aus Vorkriegszeit stammt, ab und reicht uns das erste Paar der Amundsen Mountain Mucks. (Mucks? Stiefel die man einsauen kann. In unserem Fall Expeditionsstiefel mit daran fixierter Gamasche) Ein Gefühl, wie wenn man sein Erstgeborenes in den Händen hält. Okay, nein, das nehme ich zurück. So gut wie das erste Auto. Das trifft es besser! Was ich sagen will: Es fühlte sich extrem gut an. Auf der Zugfahrt von Montebelluna nach Cortina sehe ich die frischen Dinger an, die sorgfältig auf dem riesigen Rucksack vor mir auf dem Boden ruhen. Wir sprechen ein bisschen darüber, warum die Mucks genauso sein sollte, wie sie jetzt vor uns stehen. Das sind wir den Inuit, die uns die Inspiration lieferten, schuldig. Ihre Art Kleidung und Stiefel herzustellen, ist eine Manifestation ihres Wissens, Ihrer Erfahrung und des großen Verständnisses und Respekts für die verwendeten Tiere, sowie eine bewusste Anerkennung ihrer Umgebung.
Der Frühling ist meine bevorzugte Jahreszeit, um sich in die Berge zu begeben. In Cortina starten wir unsere Wanderung. Es fühlte sich an, als hätte jemand die Dolomiten von Allen Menschen und Lebewesen geleert. Alle sonst bewirtschafteten Hütten sind noch geschlossen, kein Vogel ist zu sehen oder zu hören. Es ist, als hätte es eine Party oder einen Krieg gegeben und alle sind dann Hals über Kopf abgehauen. Das gleiche Gefühl hatte ich, als ich vor einigen Jahren in der sowjetischen Geisterstadt Pyramiden in Spitzbergen ankam. Nun also die verdammten Dolomiten. Da standen wir nun und atmeten frische Luft, die von Flüssen und aus Fichtenwäldern aufsteigt. Die Steigungen werden mal flacher und steigen dann wieder steil an. Wir überqueren Flüsse und Bäche und bewegen uns von Rastplatz zu Rastplatz. Das norwegische Wort – friluftsliv – fasst ziemlich gut zusammen, was wir hier gerade tun. Es beschreibt eine Philosophie, bei der es darum geht, die Natur zu genießen und Abenteuer nicht als Wettbewerb zu sehen. Roald Amundsen war ein Entdecker, manche Leute motivieren sich durch einen Wettbewerb. Wir fühlen uns als Abenteurer!

Ortswechsel. Schwarzwald. Hier spielten, oder besser hier könnten die meisten Märchen der Gebrüder Grimm gespielt haben. Als wir kurz nach Sonnenuntergang per Bahn angekommen sind hatten wir noch die Weite und Einsamkeit und die gewaltige Stille der Dolomiten im Kopf. Und jetzt: Deutschland, der Schwarzwald. In dem dichten, dunklen Wald wird der Wind, der von den Alpen heraufweht auf ein schüchternes Flüstern reduziert. Ferne Vögel signalisieren einander unsere Ankunft; Klatsch und Tratsch in den Ästen. Ursprüngliche Tierwelt, die sich versteckt und nur zu erahnen ist. Die moosbedeckten Felsbrocken, die rumlagen als hätten sie ein übergroßer Feuerdrache bei einem kosmischen Wutanfall in den Wald gespuckt. Die majestätischen Eichen, Kiefern und Buchen beschränken unsere Sichtfelder und unsere Aufmerksamkeit radikal. Ein krasser Gegensatz zu den Panoramen in den Dolomiten, die nur durch die dunklen Farben der abgetauten Berge begrenzt waren. Nach einer Weile, als das Gefühl der Veränderung nicht mehr so dringlich war und sich unsere Sinne an die neue Umgebung gewöhnt hatten, finden wir die Waldwege weit verzeihender als die steinigen Pfade der Alpen. Nach einiger Zeit brauchen Augen, Gehirn und Füße nicht mehr zu korrespondieren, zumindest nicht explizit, und wir kamen in unseren Flow. Und das ist einer der Gründe, warum wir gehen. Wandern führt zum Vergessen. Gut so!

Across the Dolomites

Spät in der Nacht näherten wir uns einer Gruppe von Hütten. Auf der Karte interpretierten wir es als Dorf. Die Hütten sehen verlassen und heruntergekommen aus, der Wald drängt in die Lichtung und machte einen bereits halbherzigen angelegten Wanderweg zu einer ohnehin unnötigen Tarnung. Wir gehen um die Hütte herum und finden eine große Holztür. Ich gebe ihr die fünf universell verstandenen „we-come-in-peace“-Klopfer, aber ohne Erfolg. Wir warteten eine Weile schweigend, bevor ich der Tür drei weitere Klopfer verpasse, diesmal härter wegen meiner schnell zunehmenden Verzweiflung noch ein Glas Wein und ein Bett zu bekommen. Ich höre das vertraute Rauschen eines Streichholzes hinter mir. Ich klopfte wieder an die Tür, der Geruch von Tabak und Gelassenheit setzt sich in Szene. Als ich zum letzten Mal die Hand hebe, um zu klopfen, knarrt die Tür und öffnet sich langsam nach innen. Ein runzliges Gesicht, unnatürlich tief in Bodennähe wird sichtbar. Die alte Frau inspizierte jeden von uns abwechselnd und nimmt sich die Zeit, um das Ausmaß des potentiellen Bösen in unseren Augen zu bestimmen. Wir müssen die Prüfung grad so bestanden haben, als sie das erste Mal spricht, Deutsch natürlich, aber in einem Ton, der ihre Unzufriedenheit in den entferntesten Galaxien hätte wirken lassen. Ich stelle mein rudimentäres Deutsch auf die Probe und versuche zu erklären, dass wir bereits ein Zimmer online gebucht und bezahlt hatten. Bei dieser Aussicht verdrehte sie die Augen und antwortete spöttisch, dass dies nicht möglich sei, da ihr Computer abgeschaltet ist. Ich bin nicht in der Stimmung, über die geheimnisvollen Möglichkeiten des Internets zu diskutieren, und ich bin erleichtert, als sie schließlich mit einer resignierten Geste zur Seite tritt und uns andeutet ihr bitte zu folgen.

Das Betreten der Hütte offenbart ein Set aus der ersten Staffel von Twin Peaks und plötzlich wird mir klar, dass die kleine alte Frau die verrückte, mörderische Oma vom Mulholland Drive sein muss. Die Hütte scheint von Innen um ein Vielfaches größer als es von außen den Anschein hatte und die Stille ist ohrenbetäubend. Das einzige wahrnehmbare Geräusch ist das langsame (zu laaaangsaaaame) Geräusch einer Pendeluhr, die irgendwo im zweiten Stock schwingt. Die alte Dame führte uns durch einen langen, dunklen Korridor, der mit blumigen Teppichböden geschmückt ist und der an einer Stelle von zwei an den Wänden hängenden Öllampen beleuchtet ist. Wortlos bekommt jeder sein eigenes Zimmer zugewiesen. Unsere stummen Gesten verraten den Grusel, den wir alle spüren. Mit ebenso stummen Gesten verriegeln wir die Türe unserer Zimmer. Das Wichtigste zuerst: Ich kann nirgendwo ein Glas finden und weil ich kein obskures Ritual hineinstolpern will oder sonst wie stören mag, um ein Glas zu holen, trank ich den warmen Rotwein direkt aus der Flasche. Nobel geht die Welt zu Grunde. Ich steige aus meinen Mucks lege mich ins Bett, immer wieder von einem kindlichen Gefühl des Schreckens umgeben, bis ich endlich einschlafe.

Across the Dolomites

Ein norwegisches Sprichwort besagt: Die Dunkelheit der Nacht ist eine Tasche, die vor dem Gold der Morgendämmerung platzt. Ich wache auf, als die Sonne ihren Weg durch das staubige Fenster findet und so die Geister der vergangenen Nacht vertreibt. Der Geruch nach Speck und Würstchen und das Gelächter von unten packen praktisch meinen Rucksack, ziehen mich an (im wahrsten Sinne des Wortes) und schnüren meine Mucks und ich finde mich bald an einem Tisch mit den Jungs und der immer noch alten, aber nicht mehr gruseligen Frau wieder. Im Tageslicht gab es nichts, was sie vom Reden abhalten konnte. Sie ist ein bodenloser Brunnen von Geschichten, Witzen und Anekdoten und sie segnete uns mit einer Armada von Wurstwaren und der gesamten Speckreserve Deutschlands. Nach mehreren Tassen starken schwarzen Kaffees und der entsprechenden Menge italienischer Muratti-Zigaretten packen wir unsere Rucksäcke, ziehen uns die Jacken über und verabschieden uns.

Im Wald spazieren zu gehen ist für den Geist leichter als in den Bergen. Die Gefahren sind gering und die Belastung ist überschaubar. Wenn man mal auf dem richtigen Pfad ist, muss man sich kaum noch großartig konzentrieren, der Moment, wenn Gehen zum Wandern wird. Setzt man erst mal regelmäßig einen Fuß vor den anderen ist alles Meditation, man fühlt sich wie in Trance. Ein paar Stunden nachdem wir Twin Peaks und die alte Dame hinter uns gelassen haben, verstummen wir und kommen wieder in den Rhythmus. Meine Gedanken schweifen zu dem deutschen Philosophen Martin Heidegger, der lange Zeit vor uns im Schwarzwald lebte, dachte, spazierte und ausführlich über den Zustand des Menschen schrieb – über das Vorhandensein in der Welt. Über Anwesenheit.

Dieser Zustand, so behauptete er, könnte durch „absorbierte Bewältigung“ erreicht werden – das heißt: Das was man tut, egal was, ist das was man ist; man ist absorbiert. In unserem Fall wäre es das Abenteuer, der Spaziergang, die langsame Bewegung des Körpers und die Absorption in der Natur. Das fallen lassen in die Gerüche, die Klänge, die Aussichten. Versunken in reine, unverfälschte Erfahrung. Ich gehe, also bin ich. Das Laufen ist die langsamste, trotzigste Form der Achtsamkeit.

Wir stoppten zum Mittagessen. Wir teilten uns die letzte Zigarette, trinken Rotwein und gießen Speckfett über unser Gemüse. Ich füllte meine Flasche ein letztes Mal mit eiskaltem Waldwasser, bevor ich die letzte Meile zurücklege. Das Gehen ist langsam. Nein – das Gehen bewegt mich mit der richtigen Geschwindigkeit, unabhängig von der Geschwindigkeit. Wenn man geht, bewegt man sich in einer Geschwindigkeit mit der unser Verstand Schritt halten kann. Die Seele reist mit.

Das Gehen bewegt mich mit der richtigen Geschwindigkeit,
unabhängig von der Geschwindigkeit.


In Flugzeugen fühle ich mich von daher fehl am Platz. Der Punkt ist: Wenn du gehst nimmst du wahr wie du wahrnehmen sollst. Es ist nicht zwangsläufig, dass sich deine Umgebung verändert. Wichtiger ist, dass du dich änderst, wenn du dich deiner Umgebung stellst. Mit der richtigen Geschwindigkeit und zur richtigen Zeit und dass du diese Änderung erkennst. Eine Eiche in der Ferne erhascht Deine Aufmerksamkeit. Du prägst sie Dir ein. Beim Näherkommen kannst du schon einzelne Äste voneinander unterscheiden und einer von ihnen wird zum Katalysator für ein Gefühl, für einen Gedanken, eine Assoziation, die wiederum ein anderes Gefühl, einen anderen Gedanken, eine andere Assoziation hervorruft. Du kommst der Eiche noch näher und (hier kommt der wichtige Teil) die Eiche so, wie du sie so noch nicht gesehen hast. Es ist eine Eiche, okay, aber es ist Deine Eiche.

Als wir in Dänemark ankommen berühren unsere Mucks zum ersten Mal Sand. Als unsere Fußstapfen in die Ewigkeit eingehen, tauchen wir wieder in einen hypnotisierten Zustand ein. Wellen sind Musik, Dünen sind Gemälde – der Wein, den wir aus Italien übrighaben, hält den Kopf aufrecht. Der Sand am Strand ist ziemlich hart und erlaubt müheloses Wandern. Warum gehen wir wieder? Wir gehen, weil wir Beine, Füße und ein Paar Mucks haben, in die wir sie hineinstecken können. Wir gehen, weil es Zeit braucht und wir Zeit haben. Wir gehen und trotzen so der Geschwindigkeit der modernen Gesellschaft. Es ist keine Resignation, sondern eine Ablehnung der endlosen Bedürfnisse und unnötigen Ziele, der Wünsche und Forderungen, der Gebote und Verbote, der Berechnung und des Schemas. Auf einer Reise wie dieser, wenn sich alles langsamer bewegt mit Deinem Körper im Gelände, Deinen Gedanken im Kopf, erkennst du langsam die Relativität Deiner Wahrnehmung der Welt. Du selbst und die Zeit. Und alles macht Sinn.
Deine Gedankengänge sind länger, deine Augen ruhen stundenlang auf derselben Landschaft, sodass du dich jedem Detail hingeben und den Veränderungen der Perspektive beim langsamen Gehen hingeben kannst.

Mehr zu den Mucks: Amundsen Sports

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Text: Jørgen Amundsen, Håkon Sollund and Andreas Bastian Nordberg
Quelle: Diary from the Field Test; Montebelluna x Oslo 2018.
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